Die rollende Legebatterie gen Can Tho

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Die rollende Legebatterie gen Can Tho

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Mrz,2018

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Ein weiterer Beitrag aus der Vor-Lethargo-Ära

10:27 Uhr. Am Fernbus-Bahnhof von Saigon angekommen. Ein Dutzend Ticketschalter buhlen um unsere Aufmerksamkeit. Leicht überfordert das offensichtlich günstigste angenommen.

10:30 Uhr. Ticketdame rennt einmal mit uns über den gesamten Busbahnhof bis sie ihren = unseren Bus entdeckt. Sieht von außen wie auf Beispielbild aus.

10:31.05 Uhr. Busfahrer fordert sowohl unverständlich als auch unmissverständlich zum Einsteigen auf. Keine Zeit mehr fürs Örtchen.

10:31.22 Uhr. Der Schock. Eine vollkommen unbekannte Inneneinrichtung wartet auf uns. Drei Reihen „Zahnarztsessel“, zweistöckig, getrennt durch zwei Gänge. Hinten auf dem Motor in Oberlage fünf „Sessel“ nebeneinander. Ein Dentist, der einzig schwache Trost, nicht auszumachen.

10.35 Uhr. Nach viel Geschrei und Gezeter und wiederholten Einpassproben alle Platz bekommen. Mr. Akka und Mr. Mättie vorne links bzw. rechts., Mr. Lörki hinten Mitte, alle Oberrang. Beim minder ästhetischen Sprung auf meinen Platz drei Mitreisende mit Rucksack gerammt. Direkt guten Eindruck gemacht.

10:37 Uhr. Bus setzt sich in Bewegung. Grosse Probleme eine korrekte Sitzposition einzunehmen, da Platzangebot selbst für größer gewachsene Vietnamesen zu klein. Klimaanlage offengefühlig sehr leistungsstark.

10:45 Uhr. Während Mr. Mättie versucht mittels einer Standortverlagerung in den Unterrang der lautstarken Beschallung aus dem Propagandalautsprecher unmittelbar über ihm zu entkomnen, dabei aber schnell wieder zurückbeordert wird, meinerseits eine erste Bestandsaufnahme der unmittelbaren Umgebung.

10:47 Uhr. Aufklärung abgeschlossen. Links von mir mutmaßlich 2 Vietnamesen, die sich allerdings meist unter Decken verstecken. Ursache schnell ausgemacht. Die hintere linke Klimaanlagenregulierung fehlt komplett, aus dem großzügigen DIN A5 Loch strömt ungehindert der Atem der Arktis. Rechts neben mir sitzt ein von mir als Ägypter angesprochener junger Mann, am Fenster ein weißes Wesen, eine Europäerin oder dergleichen.

11:10 Uhr. Linkes Bein schläft ein. Vietnamese neben mir hört sich ungesund an. Der Ägypter rechts von mir fängt auf einmal an, österreichisch zu sprechen. Bin einigermaßen perplex.

11:22 Uhr. Ein Mitglied des Busunternehmens wagt sich nach hinten, tritt aber nach robustem Empfang der beiden schockgefrosteten Vietnamesen links von mir schnell wieder den Rückzug an. Lerne einige vietnamesische Schimpfwörter. Klima eist weiter.

11:35 Uhr. Pinkelpause. Unfähig, mich in gegebener Zeit aus dem Sitz zu befreien. Es scheitert auch ein gemeinsamer Versuch von mir und dem Ösiypter, den Verstellmechanismus seines Sitzes wieder gangbar zu machen. Der Ärmste muss die Rest der Fahrt recht eingeklappt verbringen.

11:45 Uhr. Das Fahrwerk des Busses hält dem Gewicht dreier Mitteleuropäer (einschl. Ösiypter) in seinem Heck nicht mehr stand, d.h. der rechte Hinterreifen gibt den Geist auf und muss am Strassenrand gewechselt werden. Zum Leidwesen der gesamten Rückbank. Klima eist und eist.

11:58 Uhr. Bus fährt wieder, allerdings hat sich ein fliegender Händler in der Zwangspause an Bord geschlichen. Verkauft undefinier- aber wohl essbare Ware. Versuch mich unsichtbar zu machen scheitert, da der Ösiypter fragt was der Händler denn da wohl verkaufe. Gespräch zieht diesen schließlich an.

12:02 Uhr. Der gesamte hintere Teil des Busses motiviert uns mit einem hintergründigen Lächeln, die seltsam verpackten, nach Zwiebelmettwurst erinnernden Päckchen zu probieren. Beisse unmittelbar auf ein Pfefferkorn, Rest geht in dem atomaren Feuer in meinem Rachen unter.

12:07 Uhr. Österreicherin vermutet nach Geschmacksprobe und anschließender Wiki-Recherche, daß wir Hund gegessen haben könnten. Sind entsprechend bedient.

12:10 Uhr. Nach ergebnislosen Verkaufsverhandlungen überlässt mir der Händler in einer letzten Bosheit die restlichen Fleischpäckchen mehr oder weniger unentgeltlich. Traue mich nicht sie auszuschlagen um den Bus nicht gegen uns aufzubringen. Die Österreicher lehnen mein Angebot der Aufteilung lächelnd aber bestimmt ab.

12:48 ff. Uhr. Der Versuch des Busfahrers, nach der Reifenpanne wieder Zeit aufzuholen führt zu einigen unfreiwilligen Flugeinlagen der Rückbankbesatzung, welche allerdings spätestens an der nahen Decke wieder ihr Ende finden. Positiv: die beiden Vietnamesen tauen durch die Bewegungen trotz weiter eisender Klima langsam wieder auf.

13:25 Uhr. Nach knapp 3 Stunden Fahrt kommt mir die rettende Idee für die vietnamesischen Freunde links neben mir. Das schwarze Loch wird kurzerhand mit einer von mir mitgeführten, älteren SPIEGEL-Ausgabe abgedichtet. Die Werktätigen danken es.

13:30 Uhr. Die kurz danach eintretende tropische Hitze lässt mich meine technische Hilfeleistung schnell bereuen.

13:45 Uhr. Der Ostertrip ist in Can Tho angekommen. Wir werden ganz lieb von den Passagieren, welche noch weiter fahren, verabschiedet. Meine frisch erworbenen Fleischpäckchen sind jedoch auch unter meinen Mitreisenden praktisch unveräußerbar. Später im Hotel erfahren wir dann, es sei gewürzte Schweinehaut. Nun denn, es wäre mal gut irgendwo ein vietnamesisches Borstenvieh begutachten zu können. So ganz … 🤔

Über den Autor

Heiko
Das Hirn

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